Endlich frei werden, Mensch zu sein


Von Jo Römelt

Der perfekte Mensch
Haben wir bald den perfekten Menschen? Zwei Eindrücke: In einer Zeitung lese ich, dass immer mehr junge Frauen in den USA sich zum 18. Geburtstag Gutscheine für Schönheitsoperationen schenken lassen. Ich vermute: Auf dem Wunschzettel der Mädchen steht das wahrscheinlich schon seit dem 14. Geburtstag. Oder: Ich spreche mit einem Freund. Er hat einen gut bezahlten Job, der ihm Spaß macht. Nur der Druck sei groß, erzählt er. Fehler dürften nicht vorkommen. Er ist stolz auf seinen Job. Aber zugleich ist in seinen Zügen auch Angst zu sehen.
Nichts gegen den Wunsch, die eigene Sache möglichst gut zu machen. Aber was tun wir uns an, wenn wir meinen, perfekt sein zu müssen – die perfekte Angestellte, der perfekte Vater, die perfekte Tochter, der perfekte Liebhaber – womöglich noch der perfekte Christ? Mir scheint der Perfektionismus eine der Krankheiten unserer Zeit zu sein. Und zwar eine, die Menschen buchstäblich krank macht an Leib und Seele. Die Debatte um die Gentechnologie ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Problem liegt viel tiefer: Wir erlauben uns nicht, uns so zu nehmen, wie wir sind. Wir erlauben uns nicht, uns als Menschen zu lieben.

Menschen, die Ja zu sich sagen
Der christliche Glaube behauptet dagegen ernsthaft, dass in einem kleinen, schreienden Baby Gott selbst sich uns vorstellt. So nimmt er teil an unserem schönen und wenig perfekten Leben und gibt uns sozusagen auf gleicher Augenhöhe zu verstehen: „Ihr seid mir wichtig! Jeder von Euch ist ein wahr gewordener Traum von mir! Und keine von euch fällt je aus meiner Hand!"
Gott wird Mensch, damit wir selber Menschen sein können! Nicht mehr und nicht weniger! Menschen, die sich selbst ins Gesicht schauen können. Menschen, die Ja zu sich selber sagen – und zu den anderen. Menschen, die lernen, ihr Leben anzunehmen mit seinen Ecken und Kanten. Mit Gaben und Macken. Mit geraden und krummen Linien. Wunderschön – und alles andere als perfekt!

Gott wird Mensch
Von daher wird erst richtig klar, was das eigentlich bedeutet, dass Gott Mensch wird! Deutlicher und freundlicher kann er uns wohl nicht einladen, endlich zu dem zu stehen, was wir sind! Deutlicher kann er uns wohl nicht zeigen, was wir ihm bedeuten und welche Würde er uns beimisst: Unser Menschsein, unser schönes und fehlerhaftes Wesen mit all seinen Ecken und Kanten ist es wert, die Gestalt Seiner Herrlichkeit zu werden! Unsere ebenmäßigen und krummen Züge macht er zu seinem Gesicht, zu seinem Ebenbild. Kann man schöner von der Würde des Menschen reden?
Gott wird Mensch, damit wir endlich frei sind, Menschen zu werden. Unvollkommene Menschen – und keine perfekten Götter! Das ist die Botschaft von Weihnachten. Und das ist es, was wir so dringend brauchen wie nichts sonst. Gott wird Mensch. Ein größeres Geschenk hätte er uns nicht machen können.