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„Wir erfinden uns gerade rundum neu.“
Kreiskantorin und Dorper Kantorin Stephanie Schlüter im Interview.
Die Zeiten, in denen jede Gemeinde wie selbstverständlich eine Person für Chöre und Orgel beschäftigte, sind schon lange vorbei. Trotzdem beschäftigte bis vor Kurzem die Mehrzahl der Gemeinden einen Menschen für die Begleitung von Gottesdiensten oder die Leitung musikalischer Ensembles. Seit dem 1. Januar 2026 sind nun die Mitarbeitenden für den Bereich Kirchenmusik beim Kirchenkreis angestellt. Damit ist ein weiterer organisatorischer Schritt hin zur „Klingenkirche 2030“ vollzogen. Im Interview berichtet Kreiskantorin Stephanie Schlüter, die nach wie vor als Kantorin für die Gemeinde Dorp tätig ist, wie sich diese Veränderung auswirkt.
Stephanie Schlüter, als Kreiskantorin sind Sie mitten im Thema. Können Sie uns erläutern, was sich nun konkret in den Gemeinden verändern wird?
Der 1. Januar 2026 hat zunächst gar nicht so viele wahrnehmbare Änderungen im Vergleich zum 31. Dezember 2025 mit sich gebracht. Schließlich arbeiten wir schon seit Jahren daran, das Kirchturmdenken auch musikalisch abzubauen. Projekte wie „Solingen singt!“ etwa, das sich gut etabliert hat, bringen regelmäßig Kirchenmusik-Freunde aus der ganzen Stadt und aus allen Gemeinden zusammen. Ich selbst habe schon mehrfach Gospel-Workshop-Wochenenden initiiert. Im vergangenen Jahr hatten wir mit dem Musical „Jesus Christ Superstar“ sogar ein Angebot, das über Solingens Stadtgrenzen hinausging. Darüber hinaus singen längst in den unterschiedlichen Chören der Gemeinden nicht nur die eigenen Gemeindemitglieder. Zunehmend wird geschaut: „Was wird wo angeboten?“ Und dann entschieden, ob man dort oder dort mitsingt.
Der Prozess des Zusammenrückens hat also längst begonnen.
Genau. Wir gehen weiter auf dem Weg, den wir schon länger beschreiten. Das neue Konzept sieht vor, dass drei hauptamtliche Personen im Bereich Kirchenmusik mit unterschiedlichen Schwerpunkten – nämlich „Orgel“, „Chorprojekte“ und „Pop-Musik“ – gemeinsam mit den nebenamtlich Beschäftigten in Solingen die kirchenmusikalische Landschaft versorgen. Dazu gehört neben der Organisation von Konzerten und Projekten die wichtige Basisarbeit. Die nötige „Vollversorgung“ in puncto Gottesdiensten an Sonn- und Feiertagen, bei Beerdigungen, Taufen, Trauungen muss klappen. Und natürlich soll es weiterhin Gospelkonzerte, Oratorien-Aufführungen und eine Popmusik-Kultur innerhalb der Kirche geben.
Wer sind die drei Hauptamtlichen?
Außer meiner Person mit dem Stellenschwerpunkt Chorarbeit ist das Birgit Rhode, die in Ohligs ihren gemeindlichen Standort hat und sich als Schwerpunkt um die Solinger Orgellandschaft kümmern wird. Die dritte reguläre Stelle für den Bereich Pop-Musik wird ab dem Sommer unter anderem in Wald angesiedelt werden. Wir sind gerade dabei, sie zu besetzen. Am Samstag, 9. Mai 2026, findet im Rahmen des Besetzungsverfahrens ab 15 Uhr in der Walder Kirche eine öffentliche Probe statt. Wer mag, ist herzlich eingeladen dabeizusein. Die Stelle umfasst dann auch die Kinder- und Jugendchorarbeit in der ganzen Region Nord sowie die Leitung der erfolgreichen Chöre „Unisono“ und „Young Voices“ aus Ketzberg. Für die klassische Chorarbeit streben wir eine Zusammenarbeit mit Birgit Rhode an.
Das heißt, Sie „tingeln“ künftig mit Chor-Angeboten von Gemeinde zu Gemeinde?
Nein, so wird es nicht sein. Wir haben eine räumliche Einteilung in drei Regionen vorgenommen: Die Region Gräfrath/Wald/Ketzberg ist eine davon, Mitte/Luki/Dorp und Widdert sind die zweite und Ohligs/Merscheid/Rupelrath die dritte. Ich habe zum Beispiel auch weiterhin mein Standbein in Dorp, versorge aber organisatorisch „meine Region“ in Mitte und habe natürlich den ganzen Kirchenkreis im Blick. Ich kann und werde nicht plötzlich alle Kirchenchöre Solingens übernehmen! Es gibt zukünftig aber eine größere Durchlässigkeit, wir werden uns viel mehr vernetzen und Musikgruppen überall einsetzen können. Das Ganze ist kein starres, sondern ein sehr bewegliches Konzept, das ohnehin immer wieder angepasst werden muss. Wir erfinden uns gerade rundum neu, und da gilt der Satz: „Wege entstehen, indem man sie geht.“ Heißt: Wir schauen immer wieder genau hin, korrigieren und bauen aus. Es gibt ohnehin noch einige unbekannte Komponenten, die wir folglich noch gar nicht mitplanen können.
Welche denn zum Beispiel?
Noch steht ja nicht abschließend fest, welche Kirchengebäude es zukünftig noch geben wird und welche Gemeindehäuser langfristig zur Verfügung stehen. Außerdem gibt es Zusammenlegungen im Bereich Gottesdienste, wie zum Beispiel durch die bevorstehende Fusion der Gemeinden Gräfrath und Ketzberg. Es passiert gerade vieles gleichzeitig an mehreren Stellen.
Wie erleben Sie diese ganzen Veränderungen mit Blick auf die Gemeindemitglieder?
Es ist ja durchaus eine große Umstellung, künftig nicht mehr im Sprengel zu denken, sondern sich als Teil einer großen Gemeinde, der viel zitierten „Klingenkirche“ zu verstehen.
Hilfreich ist in meiner Wahrnehmung, dass wir schon seit mehreren Jahren mit diesem Thema unterwegs sind. Die Unsicherheit „Was wird?“ ist nicht weg, hat aber spürbar abgenommen und macht allmählich einer Aufbruchsstimmung Platz. Natürlich ist da Wehmut und Abschied. Aber die sichtbaren Spuren des Neuen machen ja Spaß und dadurch Mut. Gerade durch die Begegnung mit Menschen anderer Gemeinden, die man vorher noch nicht auf dem Zettel hatte. Und irgendwann ist das Neue nicht mehr „neu“ im Sinne von „beängstigend“ oder „verunsichernd“, sondern wird zum Vertrauten. Was immer hilft, sind Gespräche und gemeinsames Tun. Und hier werden wir weiter auf dem Weg bleiben!
Das Interview führte Jutta Schreiber-Lenz, Solinger Tageblatt. Es ist zuerst im Gemeindebrief „Augenblick ‘mal!“ der Gemeinde Wald erschienen und dann auch am 23.4.2026 auf den Seiten der „klingenkirche.de“.
Jutta Schreiber-Lenz
Kirchenkreis
